Endlich Wochenende 6. – Duzen und Siezen

In einzelnen, goldbronzenen Tröpfchen, erfüllt mit dem aromatischen Duft von Zimt und Pflaume, fließt der Tee entlang des durchtränkten Teebeutels und findet sein Ende in der darunter platzierten Tasse. Die Wellen, die diese Tropfen erzeugen werden von deren gläsernen Rand zurückgeworfen, welcher so dieses Minitaturschauspiel eines Regengusses über einem See unterbricht. Ich führe den Teebeutel über den Tisch zu meinem beigefügten Untersetzer und drücke ihn dort aus. Bei gemütlicher Atmosphäre und dem Gedudel einer orientalischen Popband schüttele ich also die Sorgen des Alltags von mir und beginne mein Wochenende. Ich näherte die Tasse meinem Mund und als mir schon der Geruch von Wochenende in Form der duftenden Dampfschwaden entgegen stieg, werde ich von einem „Wollen Sie Ihren Döner mit Allem?“ unterbrochen. Ich hielt kurz inne.

„Du!“, erwiderte ich schließlich.

„Bitte?“, fragte der Verkäufer mit stutzigem Blick.

„Du kannst mich duzen. Ich finde das ‚Sie‘ gehört sich in einer Beziehung wie der Unsrigen nicht“

„Was soll das denn heißen?“ Er schien etwas verärgert. Ich stellte den Tee ab und ging hinüber zum Tresen der sonst leeren Dönerbude. Meine Arme verschränkt auf den Tresen abgelegt beginne ich zu erklären:

„Naja, das ‚Sie‘ impliziert ein Verhältnis, welches mit wenig Vertrauen zu tun hat. Eine Art Distanz, wie zwischen Geschäftsmännern.“

„Wie willst du deinen Döner?“ unterbrach er mich mit genervtem Blick und der einsatzbereiten Servierzange in der Hand.

„Ja, mit allem „, entgegnete ich und fuhr dann fort:

„Verstehst du was ich meine? Es ist kein Wunder, dass wir Deutschen immer so unfreundlich sind, wenn wir die Leute um uns herum ständig mit Höflichkeitsformeln auf Abstand halten. Die Entscheidung mir bei dir einen Döner zu kaufen, impliziert doch, dass ich dir so weit vertraue, dass du deinen Penis in keiner Weise dazu benutzt, die Knoblauchsoße zuzubereiten.“

Er gab ein entsetztes „Häh?“ von sich und legte den unfertigen Döner auf seine Seite des Tresens.

„Naja, oder dass du in den Salat spuckst, oder was weiß ich. Der Punkt ist, mit meinem Kaufvertrag bringe ich dir offensichtlich genug Vertrauen entgegen, dass ich durch dein Essen kein Herpes bekomme. Dieses Vertrauen sollte meiner Meinung nach, zumindest ein ‚Du‘ voraussetzen. Oder was meinst du?“

Er schien kurz darüber nachzudenken und etwas entgegnen zu wollen, stimmte aber dann mit einem kurzen Nicken zu und arbeitete weiter an meinem Döner.

„Deswegen siezen wir ja auch Politiker. Denen vertrauen wir nicht. Die mögen sich einreden, das hat etwas mit Respekt zu tun. Unterbewusst wissen wir jedoch alle warum wir es wirklich tun. Wenn wir einem Politiker wirklich vertrauen würden, etwas zu ändern, könnten wir sie auch duzen.“

„Macht 5,20 € mit dem Tee dann, bitte“, sagte der Verkäufer, während er mir den Döner auf den Tresen legte und fügte dann hinzu: „Ja, hast du schon Recht. Aber nach der Ideologie müssten die Clausnitzer ja auch Flüchtlinge ’siezen‘, weil sie ihnen nicht vertrauen.“

„Ist ein interessanter Gedanke.“ lächelte ich während ich bezahlte und mich wieder mit meinem Döner zurück auf meinen Platz bewegte.

„Was hältst du eigentlich davon? „, wollte ich wissen.

„Clausnitz jetzt? Ja ist krank. Kaputte Menschen.“

„Aber ist das jetzt für dich irgendwie anders, weil du Türke bist?“

Er hielt kurz inne.

„Ich bin Syrer.“ Stille füllte den Raum und ich wusste nicht so ganz, wie ich mich verhalten sollte. Langsam versuchte ich den Tee zu meinen Lippen zu führen.

„Sorry, ich meinte wegen dem Dönerladen und so …“, begann ich zu erklären, da unterbrach er mich.

„Soll ich dir mal was über Flüchtlinge sagen?“

Den Tee immer noch zu meinen Lippen führend, entgegnete ich:

„Ne, lass mal. Flüchtlinge sind tot.“ Eine weitere Stille trat ein, während welcher ich katatonisch zu werden schien und das verständliche Entsetzen sich in dem Gesicht des Dönermannes ausbreitete. Meine Idiotie wurde mir schlagartig bewusst und ich fügte unmittelbar hinzu:

„Also, das Thema meine ich jetzt!“

„Das Thema Flüchtlinge ist tot? Da versammelt sich ein wütender Mob vor einem Bus mit Hilflosen, vor Krieg Geflüchteten und rufen denen Naziparolen zu und das Thema soll tot sein?“

„Also jetzt nicht tot, im Sinne davon, dass man da nicht mehr darüber reden kann, sondern, dass einfach jeder darüber redet und es dadurch zu etwas Größerem wird, als es sein sollte. Erst durch die vielen Debatten zum Thema, haben ja so viele Leute Angst davor. Außerdem ist das Sachsen, das hat doch die Regierung bereits eingeräumt, dass es da einfach viel mehr Rassismus gibt.“

„Und das macht es in Ordnung? Weil es in Sachsen ist?“

„Naja, scheint zumindest der Bundestag zu meinen. Aber…“, fügte ich hinzu „… deswegen siezen wir die ja. Deswegen treten Leute wie Christoph Strässer – nebenbei ein Du – ja auch von ihren Ämtern als Menschenrechtsbeauftragte zurück. Weil wir gleichzeitig Aussagen wie den Schießbefehl auf Flüchtlinge verurteilen, während wir schizophrener Weise vorhaben 244 Millionen Euro in den Ausbau von Frontex zu stecken. Weil wir Länder wie Algerien als sicher deklarieren, bei denen das einzig Sichere die politische Verfolgung von Homosexuellen, Oppositionellen und Demonstranten ist. Weil unsere ‚ganz-sicher-nicht-rechtspopulistischen‘ Politiker fordern, dass wir die grausamen Bilder stoisch ertragen müssen, die uns von den krepierenden Seelen vor den dichten Mauern dargeboten werden. Ganz so als ob wir diejenigen wären, welche die Leidtragenden dabei wären. Solche Aussagen führen dazu, dass man sich irgendwann in Algerien ins Fäustchen lachen wird, weil die Politiker in Nordafrika Deutschland trotz offensichtlicher Menschenrechtsverletzungen als ’sicher‘ einstufen wollen. Und dann führen sich die AfD Mitglieder auf, weil die Kirche ihnen den Dialog verweigert, sodass sich die Zeit sogar auf die Seite der AfD Mitglieder stellt. Weil plötzlich die Kirche kein gutes Vorbild abgibt. Anstatt dass man die Mitgliedern der AfD dazu erzieht, unbedingt auf die Kirche zu hören, wenn es um Menschenverachtung und Fremdenfeindlichkeit geht. Kaum jemand in Europa kennt sich besser mit diesen Dingen aus, als die Kirche.“

„Dafür, dass das Thema tot ist, scheinst du aber ’ne ganze Menge dazu zu sagen zu haben.“, meinte der jetzt sympathisch lächelnde Dönermann nach einer kurzen Pause.

„Ja natürlich, das Thema ist ja auch hochbrisant. Was mich jedoch aufregt sind die Wellen die es schlägt. Auf den Pegida Demonstrationen waren zwischenzeitlich unter 5.000 Menschen unterwegs. 5.000 ist keine Zahl einer ernstzunehmenden Gruppierung, sondern lediglich die Anzahl an rechten Spinnern in diesem paranoiden Land. Jeder Einzelne von denen ist zwar eine Schande, aber es gibt weltpolitisch auch andere Dinge, die genannt werden müssen. Die paar rechten Spinner, die schon immer in unserem Land für Unruhe gesorgt haben sind traurig, der Aufstieg der AfD ein Armutszeugnis, doch sobald man ihnen keine Aufmerksamkeit mehr schenkt, sterben diese Bewegungen so schnell wie die der Piratenpartei. Währenddessen zeigen die neusten Forschungen, dass der Meeresspiegel bis 2100 um bis zu 60 cm steigt. Das wird sich innerhalb der nächsten zehn Jahre bereits auf uns ausgewirkt haben und viele Küstengebiete werden auf lange Sicht nur mehr von Fischen bewohnbar sein. Amnesty International schätzt die weltweite Lage in ihrem jährlichen Bericht als angsteinflößend und geradezu prä-apokalyptischen ein. Die NSA Abhörmethoden breiten sich derweil auch auf Hilfsorganisationen aus und eröffnen so ganz neue Maßstäbe amerikanischer Paranoia. Und selbst gute Nachrichten scheinen für den gesunden Menschenverstand teilweise einfach schizophren. Zwar setzen sich die großen Politiker aus Amerika und China endlich zusammen um Nordkoreas Handelsembargos zu verschärfen – auch wenn vermutlich der Leidtragende hierbei die ohnehin ausgebeutete Bevölkerung Nordkoreas ist-, gleichzeitig beschließt man in Peking jedoch die Stationierung von Kampfjets auf Woody Island und begegnet so legitime, territoriale Ansprüche mit militärischer Präsenz anstelle von Diplomatie.“ Mittlerweile ist meine Darlegung der Tatsachen weitaus angeregter, beinahe wütend.

„Und währenddessen vereinen wir unsere Wut auf die Flüchtlinge oder die Leute, die gegen Flüchtlinge sind, anstatt uns gegen das aufzulehnen, was uns so unterdrückt.“

„Und was wäre das?“, wollte er von mir wissen. Ich wurde ruhiger. Dann blickte ich zu meinem Tee und entgegnete in gelassenem Tonfall:

„Die Tatsache, dass wir nur glauben was wir hören, ohne uns selbst ein Bild von den prekären Lagen zu machen. Mangelnde Bildung ist ein Problem. Besonders aber die Tatsache, dass ich hier vor dir stehe und du mir glaubst, wenn ich dir sage, wogegen du dich auflehnen sollst. Dass wir nicht mehr selbst denken und uns für unsere Zukunft einsetzen sondern uns und vor allem unsere Meinung von anderen lenken lassen, obwohl wir in einer Demokratie leben. Dass wir die falschen Leute siezen und die Leute, die wir duzen, lediglich Döner verkaufen.“

Er blickte mich kurz entgeistert an. Er schien gerührt, aber irgendwie auch überfragt. Gerade wollte er antworten, da kamen zwei Jugendliche zur Tür herein. Einer trug einen Mittelscheitel, der andere gar keine Haare; Springerschuhe, Camouflagehose. Sie waren verloren in der Generation, die man äußerlich nur schwer zwischen Rechtsextrem und Linksextrem unterscheiden kann. Sie bestellten zwei Döner.

Ich widmete mich meinem Tee und nahm einen Schluck. Endlich Wochenende.

Ceterum censeo Marlene Mortler esse dimittam.

 Quellen:

http://taz.de/Nach-Ereignissen-in-Clausnitz/!5278195/

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/menschenrechtsbeauftragter-straesser-tritt-zurueck-a-1078752.html

Frontex, Eurosur – die Militarisierung der Abschottung gegen Flüchtlinge

http://www.n-tv.de/politik/So-sicher-sind-die-sicheren-Herkunftsstaaten-article16814331.html

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-02/alexander-gauland-afd-fluechtlingskrise-fluechtlingspolitik-grenzen

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-02/afd-katholische-kirche-petry-marx

Teilnehmerzahlen am 21.12.2015 bei Pegida und Nopegida in Dresden

http://www.faz.net/aktuell/wissen/klima/rekord-anstieg-von-meerespiegel-kaum-zu-stoppen-14085799.html

http://www.amnestyusa.org/research/reports/amnesty-international-state-of-the-world-2015-2016

http://www.taz.de/!5280243/

http://www.spiegel.de/politik/ausland/suedchinesisches-meer-usa-werfen-china-stationierung-von-kampfjets-vor-a-1079007.html

http://www.taz.de/UN-Resolution-gegen-Nordkorea/!5281827/

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